Idee 2: Transparente Klassenzimmer

Deutsche Klassenzimmer, zumindest so wie ich sie kenne, sind überwiegend geschlossene Räume. Rundum Mauerwerk, auf einer Seite gerne Fenster, entweder erhöht oder mit ausreichend Sicherheitsabstand zum nächsten Fußweg, so dass draußen niemand auf die Idee kommt zu nah an die Scheibe zu spazieren oder von außen einzusteigen. Und dann ist da noch eine Tür. Aus Holz, massiv und wer während der Unterrichtszeit außerplanmäßig ins Klassenzimmer möchte, klopft erst einmal brav, wartet bis er herein gebeten wird, klärt seine Angelegenheit möglichst schnell und unauffällig und verlässt den Raum dann mit dem unguten Gefühl, den Unterricht des Kollegen gerade mehr als nötig gestört zu haben.

Stellen wir uns folgende Änderung vor: Die Klassenzimmer erhalten ein Sichtfenster, durch das man das Unterrichtsgeschehen beobachten kann. Das kann entweder ein verglaster Ausschnitt in der Tür sein, eine Scheibe irgendwo in die Wand platziert oder sogar eine komplett transparente Front. In die normalen Klassenzimmer erhält man nur beschränkt Einblick, vielleicht das Lehrerpult, die Tafel und die Schüler der ersten Reihe. In bestimmten Fachräumen, z.B. in der Kunst, den Werkräumen oder dem Musiksaal, darf es gern etwas mehr sein, vielleicht sogar alles. So dass Vorbeilaufende tatsächlich beobachten können, was die kreativ Schaffenden da so treiben.

Wir beschränken uns hier aber nicht auf die Klassenräume. Auch Sekretariat und die Räume der Schulleitung bekommen ein Fenster, das Lehrerzimmer eine vollständige Glasfront. Das ermöglicht nicht nur Einblick, sondern auch Ausblick. Man stelle sich einen Kollegen oder eine Kollegin vor, in der Panoramabank sitzend und beim Pausenkaffee seinen Blick über die ruhige Aula schweifend (die Schüler sind ja alle in der Hofpause). Dabei geht er oder sie mental schon einmal die nächste Stunde durch. Oder so ähnlich.

Gibt’s nicht? Gibt’s doch. In Finnland werden die Schulräume transparent. Noch nicht überall, aber der Trend ist klar. Neubauten und größeren Umbauten versehen ihre Schüler- und Lehrerräume mit den oben beschriebenen Einblickmöglichkeiten. Das geht teilweise soweit, dass mehrstöckige Gebäude etwas von einem Museum oder einer Galerie haben. Man schlendert im zweiten Stock den Panoramagang entlang, sieht neben sich die Künstler malen, im Stockwerk drunter wird in der Hauswirtschaft gerade Kuchen gebacken und im Erdgeschoss sieht man die Handwerker ein Motorrad auseinander nehmen. Und man erkennt schon aus der Ferne, dass alle bequemen Sessel im Lehrerzimmer besetzt sind. Dann vielleicht doch erstmal auf die Toilette. Die bleibt übrigens rundum blickgeschützt. Puh!

Doch was soll das bringen? Die finnischen Lehrer waren zunächst gar nicht begeistert von der Änderung. Unsicherheit, Angst vor Störungen, kritischer Begutachtung oder gar Bloßstellung. Da kann ja jetzt jeder einfach reingucken! Es ist immer noch nicht jeder begeistert, aber insgesamt hat sich die Aufregung schnell gelegt. Wie so oft war es eine Sache der Gewöhnung und ist mittlerweile Alltag. Während der Unterrichtszeit kommt es ohnehin kaum vor, dass jemand vorbei schneit, da sind ja alle beschäftigt. Und wenn doch, mündet es maximal in einem kurzen, müden Blick. Niemand gafft, Grimassen am Fenster schneidet auch keiner. Die Schüler in der letzten Reihe lassen sich nicht davon stören, dass der vorbeilaufende Lehrer sieht, wie sie unter der Bank mit dem Handy hantieren. Stattdessen hat man einfach ein offeneres, freundlicheres Haus. Es schafft Atmosphäre. Man fühlt unmittelbarer: das ist eine Lernanstalt, hier ist Leben, hier wird gearbeitet. Oder auch nicht. Es entsteht ein verstärktes Gefühl von Kohärenz; weniger Einzelkämpfer, mehr Teil einer Gemeinschaft. Und der Kollege, der ungeduldig vor der Tür wartet, kann besser informiert abschätzen, ob er gerade in einem unpassenden Moment stört.

Fazit: Prinzipiell eine gute Idee. Die komplette Glasfront ist vielleicht übertrieben, aber zumindest ein klein wenig Öffnung darf es sein. Es wird Schulen geben, deren Bauweise, Schulleitung oder Schülerschaft mit dieser Art der Transparenz nicht klarkommen. Für die ist das dann eben nix. Aber der organisatorische und finanzielle Aufwand für kleine Lösungen, z.B. indem man die Tür austauscht und durch eine mit Sichtfenster ersetzt, ist überschaubar. Einen Versuch ist es wert.

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