Episode IV: Dolly

Maxel stieg die Treppe hinab. Die Pause war gerade zu Ende, das Treppenhaus leer. Er hatte zwar vorgehabt, dieses Mal pünktlich im Unterricht zu sein, aber da war dann noch die Sache mit der verunglückten Frühpräsenz. Er musst kurz lauschen, wie Jimmy und Carsten den Klimawandel leugneten, und pinkeln war er auch noch. Naja, 3 Minuten zu spät. Das ging schon noch.

Als er die Pausenhalle betrat vernahm er ein Wimmern. Es kam von unter der Treppe. Maxel sah nach und in einer Nische unterhalb der Treppe saß tatsächlich ein Schüler und schluchzte vor sich hin. Mittelstufe. Könnte dieser Sebastian sein. 8d oder 9d. Kein Kind von Traurigkeit, lautstark, rüpelhaft und bereits von einer Masse, auf die andere Zehntklässler stolz wären. Für einen Knödelfriedhof oder Bierbauch war dieses Exemplar hier noch zu jung, aber er hatte sich bereits eine veritable Dönerplautze antrainiert. Und nun hockte dieses Trumm zusammengekauert auf dem Boden und weinte. Er wirkte völlig verängstigt, geradezu verstört. Mit seiner gewohnt taktvollen Art fragte Maxel: „Wasn los? Müsstest Du nicht im Unterricht sein?“ Der Schüler reagierte nicht, er wimmerte einfach weiter. Jetzt stutzte Maxel. Vielleicht war es doch etwas Ernstes. Er gab sich ein wenig mehr Mühe, ging hinunter auf die Knie, rutschte näher an den Schüler heran und versuchte es noch einmal. Dieses Mal lockte er ihn etwas vorsichtiger „Sebastian. Was ist den passiert? Kann ich Dir irgendwie helfen?“ Dieser sagte zwar Nichts, schüttelte aber den Kopf. Immerhin. „Hat Dich jemand verletzt? Unsittlich angefasst? Fühlst Du Dich von Mitschülerinnen, Mitschülern, Lehrerinnen, Lehrern, Mitgliederinnen, Mitgliedern oder Diversen der erweiterten Schulleitung gemobbt? Wollte Herr Vorstädter mit Dir über Schuhe reden?“ In diesem Moment sah Maxel zwar leichte Panik in den Augen des Kindes – oder war er ein Jugendlicher? – aufflackern, doch das war es nicht. „Sprich mit mir Kind. Sprich, was ist los?“

Sebastians Blick blieb gesenkt, doch das Schluchzen ebbte ab, er ging zu Schnappatmung über und wollte tatsächlich etwas sagen. Es gelang aber nur in Ansätzen: „D….die……die…..Frau, die Frau……., die Frau Waage!“ Mehr brachte er nicht hervor bevor er kurz hyperventilieren musste. Immerhin. Sie kamen der Sache näher. „Was ist den mit der Frau Waage, Sebastian? Hat sie wieder in der Arbeitsstunde mit ihrem Handy gespielt?“ „Nein, nein“, entgegnete der Schüler, „aber, aber sie war ganz gemein zu mir.“ Jetzt blickte der Schüler langsam auf. „Sie hat…sie hat gesagt, dass…. sie hat… ganz fiese Sachen und so.“ „Sebastian, denk nach. Was hat sie gesagt? Wir wollen die Sache doch aufarbeiten. Ich möchte Dir helfen.“ Gut, der letzte Satz war nur halbwahr. Aber es interessierte Maxel schon, was Dolly wieder angerichtet hatte. Sebastian hob erneut an: „Sie hat gemeint, also, ich hab was wegen den Hausis gesagt. Dass die zu schwer waren und so. Und dann hat sie, dann hat sie gesagt…“ er schluckte, die Augen blickten traurig zu Boden, „dass wenn ich mein unsägliches und belangloses Lamentieren punktuell unterbrechen und meinen Blick aus meiner flauschig ausgepolsterten Wohlstandfilterblase hinauslenken könnte, würde ich erkennen, welche Rückschlüsse mein überempfindliches, egozentrisches und ziellos deflektierendes Gehabe auf meine Einstellung zu geistiger Arbeit und Eigenverantwortung zuließe.“

Jetzt wurde Maxel klar, was los war. Er hakte trotzdem noch einmal nach: „Verstehst Du denn, was sie damit gemeint hat?“ Sebastian flüsterte jetzt nur noch, seine Pupillen flatterten hin und her, so als befürchtete er, aus den Schatten könnte ihn Frau Waages lange Zunge umschlingen und in den Abgrund ziehen. „Keine Ahnung. Aber wie sie es gesagt hat. Ihre Stimme…. ihre Augen. Das ging ganz tief rein bei mir, hat mich da reingestochen, in meinen Seelenkörper oder wie das heißt.“ Bei diesen Worten tippte er sich mehrfach gegen den Brustkorb. „Es fühlt sich an, als ob da jetzt ein großes Loch ist. Das brennt. Aua.“ „Sebastian,“ versuchte Maxel zu helfen. „Kann es sein, dass dir die Frau Waage einen Spiegel vorhalten wollte? Dass sie Dir helfen wollte, zu reflektieren?“ „Hä?“ kam es zurück. Maxel probierte es anders: „Sie wollte Dich auf Defizite in Deiner Selbst- und Fremdwahrnehmung aufmerksam machen, verstehst Du?“ Kurz Stille, dann: „Hä?“

Gut, der Fall war klar. Maxel nahm Sebastian bei der Hand, half ihm auf und führte ihn langsam die Treppe hinauf zum Sekretariat. Er wollte ihn vor dem Sekretariat kurz parken, doch Sebastian ließ seine Hand nicht los. Völlig verzweifelt brach es aus ihm heraus: „Das, was die Frau Waage mit mir gemacht hat… wird das wieder? Werde ich wieder normal?“ Maxel beruhigte ihn: „Keine Sorge. Das haben schon viele durchgemacht. Erst neulich hatten wir zwei Kollegen aus der Schulleitung hier sitzen. Kopf hoch.“ Mit diesen Worten löste er sich und betrat das Sekretariat: „Frau Karnickel. Die Dolly hat wieder einen zerlegt. Der Schüler sitzt jetzt da draußen und versucht sich zu sortieren. Wird aber noch dauern.“ Die Sekretärin reagierte prompt: „Brauchen wir einen Schulsanitäter?“ „Nö, das bringt nix. Lassen Sie ihn einfach in den Ruheraum und dort 30 Minuten schmoren… ich meine liegen. Und verhindern Sie, dass seine Eltern Kontakt mit ihm aufnehmen und ihn wieder selbstbewusst tätscheln. Da muss er durch.“ Frau Karnickel seufzte kurz und machte sich dann auf den Weg. Dabei murmelte sie: „Ach ja, die Frau Waage. Was würden wir nur ohne sie machen.“

Maxels Pflicht war getan, und auch die Kür. Auf dem Weg zum Klassenzimmer begegnete er noch Nicky, einer bezaubernden Kollegin mit verwurschtelten Haaren, die ihm gerne mal einen Spruch drückte: „Hey, Maxel. Heute nur 15 Minuten zu spät. Ist ja schon fast pünktlich für Deine Verhältnisse!“ Maxel setzte jedoch nicht den zu erwartenden Gegendiss an, dafür war er zu sehr in Gedanken versunken. Frau Karnickels Worte klangen in ihm nach. Was, ja was würden sie wohl alle nur ohne Dolly machen?

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